Geschichte der Gemeinde Bergatreute

Die Anfänge sind unbekannt. Sicher haben vor Jahr-tausenden Steinzeitmenschen unser Gebiet durchstreift, später wohl auch Kelten. Der „Ortsgründer“ Berengar dürfte aber ein Alemanne aus dem Schussental und in welfischen Diensten gewesen sein; vielleicht hat er im 9. oder 10. Jh. hier im mittleren Altdorfer Wald eine größere Waldrodung vorgenommen.

Die älteste Urkunde aus dem Gemeindebereich stammt noch aus der Karolingerzeit: 802 schenken der Priester Dingmund und sein Bruder Ratmund dem Kloster St. Gallen ihren Besitz in Cavicca (dem heutigen Gwigg). Der Name ist nicht germanisch, sondern bedeutet im Keltischen „Wegscheide“; ob man deshalb auf eine voralemannische Siedlung an diesem Punkt schließen darf, ist ungewiß. Aber sicher gab es hier eine uralte Wegführung und Straßen-gabelung. Vor 1030 schenkt Graf Welf II. die Teilorte Gam-bach und Engenreute dem Kloster Weingarten also noch dem Frauenkloster, das bereits Grablege der Altdorfer Welfen war.

1143 hat Bergatreute eine Pfarrkirche: Papst Innozenz II. bestätigt dem Kloster Weingarten den Besitz eines Gutes in  „Berngartruti“ samt Investitur der Kirche; Kirchenpatrone sind Philippus und Jakobus.  1179 feiert Welf VI., Herzog und Markgraf, mit großem Gefolge das Weihnachtsfest in Bergatreute; der Ort muss um diese Zeit Sitz eines welfischen Ministerialen, d.h. Amtsort der Welfen, gewesen sein. Die Namen „Maierhofgasse“ und „Hochstatt“ gehen wahrscheinlich darauf zurück. 1191 kommt Bergatreute an die Staufer. Kurz vor 1200 schenkt König Philipp von Schwaben „sein ganzes Gut zu Bergatreute, bestehend aus Kirche und Höfen“, dem Kloster Weinqarten. Welfen und Staufer und später die Landvogtei üben die hohe und niedere Gerichtsbarkeit aus. Nach 1268 kommt Bergatreute mit dem übrigen staufischen Restbesitz in Oberschwaben an die kaiserliche und Reichslandvogtei Schwaben und bildet bis 1805 eins der 14 Ämter der Landvogtei, die seit 1486 zu Vorderösterreich gehört. Seit 1806 ist Bergatreute Schultheißenamt im Oberamt Waldsee/Kgr. Württemberg, seit 1938 beim Landkreis Ravensburg/Baden-Württemberg.

1358 wird die Pfarrei dem Kloster erneut inkorporiert, nachdem die „weltliche Macht" den lange bestehenden Rechtszustand angezweifelt hatte. Seit 1485 ist die Kirche baufällig, aber „mit Hilfe der Pfarrkinder Nikolaus Burster und dessen Frau Lucia ist der Neubau der Kirche gelungen" (P. Nagel). Die gotische Kirche war vor 1500 fertig und ist ein seltenes Beispiel, das 2 „Privatleute" aus einem Dorf den Bau einer Kirche finanzieren. 1686 löste die Ankunft eines Marienbildes im Pfarrhaus von Bergatreute große und dauerhafte Veränderungen aus: Bergatreute wurde Wallfahrtsort und brauchte wegen des zunehmenden Pilgerstromes bald eine größere Kirche.

 

 
Der Text wurde dem Kunstführer Nr. 1599, mit freundlicher Genehmigung des Verlags  Schnell und Steiner, Regensburg entnommen

Die Bilder wurden der Festschrift 300 Jahre Wallfahrtskirche Bergatreute entnommen

Wallfahrtskirche St. Philippus und Jakobus Bergatreute

Die Kirche steht an der Stelle der früheren Kirchen auf einer kleinen Erhebung in der Mitte des Dorfes und wird von der mittelalterlichen Mauer des ehemaligen Gottesackers umschlossen. Fast angelehnt an das alte Mauerwerk, flankieren zweigeschossige walmbedachte Gebäude des 18. Jh. die Kirche: im Norden das Kaplanei-, heute Schwesternhaus, im Süden das Rathaus.

Die Kirchenmauer hat 2 barocke, reichgegliederte Portale mit Blendpfeilern und Bildnischen, Dreiecksgiebeln und Satteldächern. Das Hauptportal liegt in der Verlängerung der Ost-West-Achse der Kirche.

Laut Bauakten wurde sie 1693-1697 „renoviert und erweitert" und am 29. Aug. 1697 vom Konstanzer Weihbischof Konrad Ferdinand von Wildegg geweiht.

Die Kosten beliefen sich auf 8420 Gulden, 20 Kreuzer und 3 Heller; 1548 Gulden davon hat der damalige Pfarrer Mietinger selbst „beigesteuert". Sowohl die lange Bauzeit wie die relativ hohen Baukosten lassen indes auf einen Neubau der Kirche schließen; von der gotischen Vorgängerkirche dürfte nur der Turmsockel stehengeblieben sein.

Ausstattung

Raumbeherrschend ist der prächtige und reichgegliederte Hochaltar von 1730.

Er wurde von 3 Meistern des oberschwäbischen Barocks aus Waldsee geschaffen: Schreiner Jos. Breimayer entwarf und erstellte die Aufbauten, die „Architektur" des Altars, „von guetem linden oder thannenholz" und den Tabernakel „von gueten aichenen Dillen";

Bildhauer Joh. Georg Reusch schnitzte die 4 großen Figuren der Kirchenpatrone Philippus und Jakobus und der im Altar stehenden Rosenkranzheiligen Dominikus und Katharina von Siena;

Maler Joh. Gg. Schall faßte den Altar und die Figuren und malte die schönen Ölbilder der Verkündigung auf den Seitentüren. „Accord" mit Schreiner und Maler vom 11. 1. 1730. (...)

Die beiden Seitenaltäre erstellte Schreiner Saturnin Hillebrandt aus Ravensburg bereits 1698 für die neue Kirche; ihre Fassung wurde 1730 von J. Gg. Schall der des Hochaltars angeglichen. (...)

Die Kanzel ist neben dem Hochaltar eines der schönsten Stücke der Ausstattung. Sie wurde 1718 von dem Wessobrunner Meister Franz Schmuzer für die neue Klosterkirche Weingarten geschaffen und kam 1762 in unsere Kirche, als sie in Weingarten durch die großartigeKanzel Fidel Sporers ersetzt wurde. (...)

 

 Die Texte und Bilder wurden dem Kunstführer Nr. 1599, mit freundlicher Genehmigung des
Verlags  Schnell und Steiner, Regensburg entnommen

Die Wallfahrt zu „Maria vom Blut"

Die Wallfahrt zu „Maria vom Blut" geht auf das kleine italienische Gebirgsdorf Re, 25 km westlich von Locarno, zurück. Dort traf 1494 ein mutwilliger Steinwurf die Stirn der Muttergottes an der Außenwand der Kirche. Daraufhin trat Blut aus der Wunde und rann über die Gesichter der Madonna und des Jesusknaben. Das Blutfließen dauerte nach den Gerichtsakten 20 Tage. Dieses Wunder und die vielen folgenden Gebetserhörungen begründeten die bis heute blühende Wallfahrt zur „Madonna del Sangue" in Re. Kopien des wunderbaren Bildes gelangten vor allem durch Kaminfeger aus Re nach Oberitalien und ins Habsburgerreich (Genua, Mailand, Eppan/Südtirol, „Rauchfangkehrerkapelle" in Stuhlweißenburg/Ungarn).

Bald nach 1650 erbte der aus Re stammende Kaminfeger Riccolt in Klattau in Westböhmen (25 km von der bayer. Grenze) eine Kopie des heimatlichen Gnadenbildes, das er an seine Nichte und deren Mann Andreas Hirschberger weitervererbte. Dort soll das Bild während der Belagerung Wiens durch die Türken 1683 schon Anzeichen eines neuen Blutwunders aufgewiesen haben. Am 8. Juli 1685 traten auch an diesem Bild ganz deutlich Blutstropfen aus der gemalten Stirnwunde der Muttergottes, als Hirschberger sein Morgengebet davor verrichtete. Nachbarn und Amtspersonen und viele hundert neugierige Mitbürger bestätigten das Wunder. Viele sicherten sich gleich eine „Reliquie", indem sie „Tüchlein" oder Papierstücke unbefangen auf dem blutenden Bild abdrückten und mitnahmen. Das Bild wurde am gleichen Tag in die Pfarrkirche übertragen. Genaue Untersuchungen und scharfe Zeugenverhöre führten auch dort zur Anerkennung des Blutwunders und zur Begründung einer Wallfahrt.

Der damalige Bürgermeister von Klattau, Joh. Jak. Teplitz, schickte seinem Schwager, dem Pfarrer Joh. Michael Mietinger in Bergatreute eine Kopie desm wunderbaren Bildes, die „in ihrer Gänze" am Klattauer Bild berührt worden war. Pfr. Mietinger stellte das Bild im Sommer 1686 auf dem Rosenkranzaltar der Kirche auf, und obwohl in Bergatreute kein „Blutwunder" mehr vorkam, entwickelte sich rasch eine Wallfahrt, die durch auffallende Gebetserhörungen „bestätigt" wurde und deren 300jähriges Bestehen wir 1986 feiern. Allein von 1688 sind 2 „Mirakelbücher" mit Berichten über wunderbare Heilungen und andere Gebetserhörungen erhalten, die Verkündbücher der nächsten Jahrzehnte sind voll von Eintragungen über die Wallfahrt.

Bald kamen ganze Pfarreien mit „Kreuz und Fahnen", z. B. 1690 Winterstettendorf, 1692 Berg b. Ravensburg; zu Pferd kam Abt Tiberius Mangold. Der geographische Bereich, aus dem sich z.T. erstaunliche Gebetserhörungen (und Wallfahrer) nachweisen lassen, reicht vom Elsaß im Westen über Zürich, Walenstadt und Schruns im Süden bis Landsberg a. Lech im Osten und zur Schwäbischen Alb im Norden (Kallsen). Leider gibt es solche Nachweise heute kaum mehr.


Die Texte und Bilder wurden dem Kunstführer Nr. 1599, mit freundlicher Genehmigung des
Verlags
 Schnell und Steiner, Regensburg entnommen

Kapellen in der Gemeinde Bergatreute

Die Kapelle in Gwigg

Gwigg ist der am frühesten bezeugte Ort unserer Gemeinde. Er erscheint schon 802 unter dem Namen Cavviva. 1353 ist Gwigg als kirchliche Filiale von Haisterkirch mit dem Patron St. Georg erwähnt.

Daraus geht hervor, dass Gwigg um diese Zeit sicher eine Kapelle besass. Am 16. Dezember 1436 bewilligte die bischöfliche Kurie dem Ritter Luz von Schönstein, dass jeder Ordens- und Weltgeistliche in Gwigg die hl. Messe zelebrieren dürfte. Offenbar handelte es sich um eine Burgkapelle. Ab 1763 war das Pfarrvikariat, ab 1803 die Pfarrei Molpertshaus für Gwigg zuständig.

 

Die heutige Kapelle ist an derselben Stelle wie die frühere(n) Kapelle(n) erstellt worden. Der Neubau erfolgte 1718 nach Abbruch der alten, baufälligen und kleineren Kapelle. Erbauer war der Reichsprälat Abt Hermann Vogler, Roth (1711 - 1739), der auch viele andere Kirchen erstellte. Über die Erbauung der Gwigger Kapelle gibt es genaue Berichte in der Haisterkircher und Molpertshauser Chronik.

Die Kapelle in Abetsweiler

Die Kapelle in Abetsweiler liegt am Hang einer in eine Moränenwelle eingeschnittenen Bachsenke, unterhalb der alten Landstraße Waldsee - Wolfegg. Sie stellt einen Rechteckbau mit spitzwinkeligem Abschluss, einer Rechtecktür und vier Flachbogenfenstern dar. Auf dem Giebel steht ein hölzerner Glockenstuhl mit blecherner Zwiebelhaube. Die Ähnlichkeit der Kapellen in Furt und Abetsweiler springt ins Auge. Welche das Vorbild der andern war lässt sich nicht leicht sagen. Sie mögen ungefähr aus der gleichen Zeit stammen. Damit kommen wir in die erste Hälfte des 17. Jahrhundert. Der Altar (Mitte des 18. Jahrhundert) aus Holz hat die Form einer seitlich abgeschrägten und oben vorgeschwungenen Flachnische, seitlich bemalt mit Vorhang und gewundenen Säulen. Davor Marienkrönung durch die heilige Dreifaltigkeit, aus der Zeit von etwa 1630, aus der Werkstatt der Zürn, Waldsee (Jörg Zürn‚ ist Erbauer des Überlinger Hochaltares, Hans Zürn und seine Söhne Michael und Martin Erbauer des Altares der Frauenbergkapelle in Waldsee).

Die Kapelle in Furt

Sie stellt eine in spitzem Winkel geschlossenen Rechteckbau dar mit Segmentbogentür; die Türe ist gedoppelt mit altem Beschläg und vergittertem Fenster. Im Schiff größere, im Chörlein kleinere Segmentbogenfenster. Chordach abgewalmt. Über dem Giebel offener, holzener Glockenstuhl mit blechgedeckter Zwiebelhaube. Als Bauzeit wird die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts angenommen.

Die Kapelle in Witschwende

Witschwende, ehedem zur Burg Neutann gehörig, kam mit Neutann 1581 an die Truchsessen. Durch Vergleich vom 26. September 1587 mit der österreichischen Landvogtei erhielt Waldburg die hohe Obrigkeit innerhalb Etters, 1594 als gräflich wolfeggisch mit hoher und niederer Gerichtsbarkeit erwähnt. Am 16. April 1880 brannten 11 Gebäude ab. Nach einem im Schloss Wolfegg befindlichen Plan "Vergrößertes Format des Dorf`s Wittschwendi, so völlig in der Landvogtei liegend, mit der Superioritaet- und Obrigkeit nach Wolfeck gehörig" (Kopie von Maler Josef Schwarz in Baienfurt für Schultheiß Feuerstein gefertigt) stand die alte Kapelle an der Straße zur Eckhöhe, etwa dort, wo jetzt das Feldkreuz steht oder noch näher bei dem letzten H (Baumwart Giray) und zwar wie es scheint, mitten in der Straße, so dass diese geteilt war und zu beiden Seiten der Kapelle je die halbe Straße vorbeiging. Die jetzige Kapelle wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jhdt. (also zwischen 1750 und 1800) gebaut.

Die Kapelle in Gambach

Die alte Kapelle, die kleiner war als die jetzige, stand zwischen den heutigen Höfen Gresser und Oberhofer („Staudachers“), möglicherweise in der Senke. Da sie baufällig geworden war und wohl auch zu klein empfunden wurde, ging man 1859/1860 zum Bau einer grösseren über, stellte sie aber an einen anderen Platz, an der Strasse vor dem Noldschen Hof („Joses“). Grund und Boden stammt offenbar von diesem Hof. Nach einem noch vorhandenen Situationsplan stand die Wirtschaft noch nicht, sondern nur vier grosse Höfe, ein mittleres und zwei kleinere Häuser, dazu bei drei grossen Höfen noch Nebengebäude. Diese neue Kapelle soll doppelt so gross sein, nämlich 30 Fuss lang, 21 Fuss breit, 20 Fuss von der Wegmitte und 20 Fuss von der Wasch- und Backküche des Noldschen Hofes abstehend. Die Einweihung erfolgte am Ostermontag (9. April 1860) durch Pfarrverweser Anton Hugger unter Mitwirkung von Musik und Chorsängern aus Bergatreute, Nach der Weihe wurde gastlich gefeiert, „indem die Bauern alle Mitwirkenden gastlich aufnahmen“.

Die Friedhofskapelle

Als Geometer Carl Steinhauser den Situationsplan über die Anlage eines neuen Begräbnisplatzes 1878 zu fertigen hatte (der Plan trägt das Datum 27. April / 4. Mai 1878), hat dieser einen Kapellenbau offenbar in Erwägung gezogen. In den Situationsplan ist nämlich der Grundriß einer Kapelle mit Bleistift ein­gezeichnet und zwar direkt am ersten Eingang vom Ort her gerechnet. Der Chor der Kapelle wäre nach diesem Projekt außerhalb der Mauer zu stehen gekommen. Offenbar wurde aber der Plan des Kapellenbaus wegen der schon schwer aufzubringenden Kosten für den Erwerb, die Anlegung und Ummauerung des Begräbnisplatzes 18 78/ 1879 nicht weiter verfolgt.


Die Texte wurden der Festschrift 300 Jahre Wallfahrtskirche Bergatreute entnommen.